Brentano-Haus Oestrich-Winkel —
ein einzigartiger Ort der Romantik

  

Sanierung des Brentano-Hauses verläuft planmäßig

Oestrich-Winkel, den 16. Januar 2017 – Die im Frühjahr 2015 begonnene Sanierung des Brentano-Hauses in Winkel schreitet planmäßig voran.

Im Rahmen des 1. Bauabschnittes wurden bzw. werden folgende Arbeiten ausgeführt:

Instandsetzung der Fassaden

An der Nordfassade (Straßenseite) war die Putzfassung des 19. Jh. noch zu etwa 4/5 erhalten. Daher wurde der Außenputz belassen und lediglich restauratorisch gesichert. Im Einzelnen wurden folgende Maßnahmen durchgeführt:

  • Konservatorische Festigung der Altputze durch Hinterfüllung und Rissschließung
  • Wiederherstellung und Ergänzung der aufgeputzten Eckquaderung
  • Abnahme des abgängigen Putzes im Sockelbereich und Neuverputz
  • Erneuerung der Farbfassung nach Befund
  • Reparatur und Wiederanbringung des historischen Pflanzgitters
  • Reparatur und Wiederanbringung der historischen Fensterläden
  • Austausch geschädigter Sandsteinbauteile an Fensterund Türgewänden
    (Es wurden insgesamt 14 Stück Vierungen angefertigt)

Die fensterlose Ansicht der Ostfassade entstand erst durch Abbruch eines Fachwerkhauses in den 1980-er Jahren. Von diesem hat sich noch der ganz in Bruchstein aufgemauerte Brandgiebel erhalten, der -in der Giebelfassade des Brentanohauses eingebundenfrei einsehbar ist. Auch hier blieben die noch größtenteils überlieferten Altputze erhalten. Das Mauerwerk des Brandgiebels wurde mit einem Kalkmörtel geschlämmt.

An der Südfassade (Gartenseite) wurde in den 1980-er Jahren ein neuer Zementputz mit einem Träger aus Streckmetall aufgebracht. Neben der viel zu harten Putzbeschaffenheit stand dieser an den Fensterund Türgewänden mehrere cm über, sodass eine vollflächige Abnahme des Putzes unumgänglich war. Nach Abnahme stellte sich heraus, dass in den Gefachen teilweise die Ausmauerung fehlte. Während sich die Schäden an der Fachwerkkonstruktion sehr in Grenzen hielten, waren an dem gegen Ende des 19. Jh. angefügten Balkon umfangreiche Fäulnisschäden vorhanden. Der vermauerte Kellerzugang sowie ein nachträglich zugesetztes Fenster im Ober-geschoss wurden wieder geöffnet. Im Einzelnen wurden folgende Maßnahmen durchgeführt:

  • Abnahme des Zementputzes und Neuverputz mit einem haararmierten Kalkputz
  • Wiederherstellung und Ergänzung der aufgeputzten Eckquaderung
  • Wiederherstellung der barocken Achsensymmetrie durch Öffnung Fenster OG und Kellertür
  • Fachwerkinstandsetzung und Ergänzung fehlender Ziegelstein-Ausfachungen
  • Erneuerung der Farbfassung nach Befund
  • Instandsetzung und Erneuerung Dacheindeckung des hölzernen Balkons
  • Reparatur und Wiederanbringung der historischen Fensterläden
  • Austausch geschädigter Sandsteinbauteile an Fensterund Türgewänden.

Der stark der Witterung ausgesetzte Westgiebel wurde zum Schutz der Bausubstanz wieder mit einer Schieferdeckung versehen. Dabei konnte die Ornamentik mit Rautenund Kreuzformen anhand eines historischen Fotos wieder analog dem Zustand gegen Ende des 19. Jh. rekonstruiert werden. Nach der Abnahme der Verkleidung mit Faserzementplatten kam zur Überraschung aller Beteiligten eine vielleicht sogar noch bauzeitliche Schalung mit handgeschmiedeten Nägeln zum Vorschein. Aufgrund der Einbindung der Schalung in die Fensterbekleidungen stammt diese zumindest noch aus dem Anfang des 19. Jh., also mithin aus der großen Umbauphase durch die Familie Brentano um 1804-1806. Im Einzelnen wurden folgende Maßnahmen durchgeführt:

  • Abnahme der asbesthaltigen Faserzementplatten
  • Fachwerkinstandsetzung im Bereich der Riegel und des südwestlichen Eckständers
  • Sorgfältige Restaurierung der historischen Schalung und Fensterbekleidungen
  • Wiederherstellung der Wasserschläge
  • Erneuerung der durch Fäulnis irreparabel geschädigten Bekleidungen in der Giebelspitze
  • Verschieferung des Giebels analog dem historischen Vorbild,

Wegen des sensiblen Untergrundes und zur Vermeidung von Erschütterungen wurden die Schiefersteine in Teilbereichen nicht genagelt sondern mit Edelstahlschrauben befestigt

  • Reparatur und Wiederanbringung der historischen Fensterläden.

Instandsetzung der Fenster

Der in seltener Geschlossenheit überlieferte Fensterbestand unterschiedlichster Bauepochen von der Erbauungszeit um 1751 über die Umbauphase der Brentanos um 1804-06 bis zur Jahrhundertwende der Gründerzeit wurde bei der Sanierung besonders sorgfältig behandelt. Die aufwändige Restaurierung der insgesamt 39 Fenster zog sich über fast 2 Jahre hin. Etwa die Hälfte der Fenster musste komplett in alle Einzelteile zerlegt und nach Reparatur, bzw. Ergänzung der geschädigten Holzbauteile wieder zusammen gefügt werden. Allein ein Fenster besteht einschließlich der Gläser und Beschläge aus etwa 70 bis 90 Einzelteilen. Als Vorgabe für die Restaurierung wurde zunächst ein Musterfenster instand gesetzt. Nach erfolgter Reparatur erhielten die Fenster einen dreimaligen Leinölanstrich nach Befund.

Die neuzeitlichen und unpassenden Fenster in Teilen des Erdgeschosses wurden durch neue Einfachfenster als exakte und detailgetreue Rekonstruktionen ersetzt. Bei dem wieder geöffneten Fenster im Obergeschoss wurde ebenfalls eine Rekonstruktion eingebaut. Im Einzelnen wurden folgende Maßnahmen durchgeführt:

  • Einbau von 12 Stk. Rekonstruktions-Fenstern im Erdgeschoss
  • Ertüchtigung der Rekonstruktions-Fenster im Gastronomiebereich mit einem Innenfenster zur Verbesserung des Schallund Wärmeschutzes (Kastenfenster)
  • Einbau eines Rekonstruktions-Fensters in der wiederhergestellten Fensteröffnung im OG
  • Einbau eines Rekonstruktionsfutters mit Bekleidung für v. g. Fenster

Die Restaurierung des Fensterbestandes ist zu 2/3 fertig gestellt. Gegen Ende des Jahres 2016 werden die Arbeiten an den Fenstern des Obergeschosses abgeschlossen. Die Fenster in den historischen Schauräumen im großen Salon und in den drei Kemenaten mussten wegen der wertvollen Ausstattung ausgeglast und mit einer mundgeblasenen, handgefertigten UV-Schutzverglasung der Glashütte Lamberts ausgestattet werden. Im Einzelnen wurden folgende Maßnahmen durch-geführt, bzw. sind noch durchzuführen:

  • Restaurierung der 11 historischen Fenster in den Schauräumen
  • Ausstattung der v. g. Fenster mit einer UV-Schutzverglasung
  • Restaurierung der 6 historischen Fenster und einer Fenstertür im Obergeschoss Rheinseite
  • Restaurierung der 10 historischen Fenster im Obergeschoss Straßenseite (Einbau 12/2016)
  • Restaurierung der 4 historischen Fenster im EG und der Fenster im DG (Frühjahr 2017)

Instandsetzung des Dachstuhls und der Dacheindeckung

Die Zimmererarbeiten bei der Instandsetzung des Dachstuhles hielten sich aufgrund des guten konstruktiven Allgemeinzustandes in einem sehr überschaubaren Rahmen. Dieser Umstand ist der durch die Voreigentümer fortwährend betriebenen Pflege und Wartung der Dacheindeckung zu verdanken. Lediglich bei den Gauben war ein erheblicher Sanierungsaufwand durch umfang-reiche Holzergänzungen erforderlich. Im Einzelnen wurden folgende Maßnahmen durchgeführt:

  • Holzreparaturen an Fußpfetten, Mauerlatten, Aufschieblingen, Sparrenfußpunkten und an Fußpunkten von Stuhlgebinden durch Anschuhen
  • Reparatur und Ergänzung von Fehlstellen am bauzeitlichen Dielenboden im Dachgeschoss mit Holzdielen aus Zweitverwendung
  • Einbau eines neuen Dielenbodens in der 2. Dachgeschossebene
  • Reparaturen an den Gauben durch Anschuhungen und Anblattungen
  • Reparaturen an den Endpunkten der profilierten Traufbretter

Die Erneuerung der Dacheindeckung erfolgte mit kleinteiligen Schiefersteinen in altdeutscher Deckung. Die in Teilen in einem sehr schlechten Bauzustand vorgefundene Schalung wurde belassen und mit einer zweiten Schalung überschalt, um den historischen Dachstuhl in seiner Wirkung von innen nicht zu beeinträchtigen. Im Einzelnen wurden folgende Maßnahmen durchgeführt:

  • Überschalung und Erhaltung der historischen Dachschalung
  • Neueindeckung mit Naturschiefer in altdeutscher Deckung
  • Verblechung der Gauben mit vorbewittertem Zinkblech
  • Einbau einer Blitzschutzanlage

Nachdem Franz (1765-1844) und Georg Brentano (1775-1851), zwei ältere Brüder der Dichtergeschwister Bettine und Clemens, das 1751 erbaute Anwesen im Jahr 1804 gemeinschaftlich erworben hatten, nutzten sie es ab Sommer 1806 als Feriendomizil während des Sommerhalbjahrs. Aber schon 1808 ging es ganz in die Hände von Franz und seiner Frau Antonia geb. Edle von Birkenstock (1780-1869), genannt Toni, über. Aus dem ursprünglichen Zweit- wurde im Lauf der Zeit schließlich ein Hauptwohnsitz, den die Nachkommen ganzjährig bewohnen. Seit dem Erwerb befand sich das Gebäude kontinuierlich im Besitz der Familie, weshalb es gemeinhin nur „Brentano-Haus“ genannt wird.

Das Domizil gilt als eines der geistig-kulturellen Zentren der Rheinromantik. Zu den zahlreichen Gästen aus Politik und Kultur zählen Johann Wolfgang Goethe, die Brüder Grimm und der Freiherr vom und zum Stein. Original erhaltene Räume geben einen einzigartigen Eindruck von der Wohnkultur und dem Lebensgefühl der Zeit. Vor allem die im Obergeschoss befindlichen Zimmer – darunter jene beiden Räume, in denen Goethe 1814 während seines Besuchs bei der Familie Brentano gewohnt hat, haben über 200 Jahre hinweg ihre einzigartige Atmosphäre bewahrt.

Im Dezember 2014 hat das Land Hessen das Brentano-Haus mit seiner Gartenanlage erworben. Das Gebäude soll in den nächsten Jahren grundsaniert und behutsam restauriert werden. Organisatorisch dafür zuständig ist die Verwaltung der Schlösser und Gärten Hessen, welche die Betreuung des Anwesens mitsamt seinem Interieur einer neu gegründeten Trägergesellschaft übertragen hat, deren gleichberechtigte Gesellschafter die Stadt Oestrich-Winkel und das Freie Deutsche Hochstift (Frankfurt a.M.) sind. Ziel aller Beteiligten ist es, das Brentano-Haus in Oestrich-Winkel und das Ensemble seiner historischen Räume und Einrichtungen, insbesondere die beiden Goethe-Zimmer, als historischen Ort und kulturelles Erbe der deutschen Romantik zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Für interessierte Besucher besteht die Möglichkeit, die historischen Räume des Brentano-Hauses in Winkel unter fachkundiger Führung der ehemaligen Hausherrin Frau Angela von Brentano zu besuchen.

An ausgewählten Terminen werden offene Führungen ohne Anmeldung angeboten. Darüber hinaus können individuelle Gruppenführungen nach rechtzeitiger Terminvereinbarung durchgeführt werden.